Robert Domes

Autor Journalist Ausbilder

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Making of "Nebel im August"

Hintergrund

"Nebel im August" ist ein biografischer Roman über einen Jungen, der 1929 als Kind fahrender Händler in Augsburg geboren wurde. Seine Familie gerät 1933 ins Visier der Nazi-Bürokratie. Mit knapp vier Jahren wird Ernst Lossa aus der Familie gerissen. Er wächst in einem Waisenhaus auf, wo er sich zu einem schwer erziehbaren Jungen entwickelt, der stiehlt, lügt und die erzwungene Ordnung immer wieder stört. Mit zehn Jahren schieben ihn die Nonnen in ein nationalsozialistisches Erziehungsheim ab. Doch auch dort ordnet sich Ernst nicht unter. Eine Gutachterin stempelt ihn als „asozialen Psychopathen“ ab. Nach zwei Jahren weisen ihn die Erzieher in ein Irrenhaus ein, obwohl der Junge weder behindert noch geisteskrank ist. Dort wird er im August 1944 im Alter von knapp 15 Jahren mit einer Überdosis Morphium umgebracht.

So erlebt Ernst Lossa Aufstieg und Fall des Hitlerregimes aus einem ganz besonderen Blickwinkel: von ganz unten. Von der Landstraße, vom Rande der Gesellschaft, zuletzt in einer Heil- und Pflegeanstalt, die in den 40-er Jahren zu einer großen Tötungsanstalt wird.

Recherche

Die Biografie eines Euthanasie-Opfers, noch dazu eines Mitglied des fahrenden Volkes, der Jenischen, zu schreiben, erforderte einen erheblichen Rechercheaufwand. Den Anstoß dazu gab vor fünf Jahren Dr. Michael von Cranach, damals Ärztlicher Direktor des Bezirkskrankenhauses Kaufbeuren. Er hatte bereits erste Recherchen angestellt, weil er den Fall Lossa für sein Buch "Psychiatrie im Nationlsozialismus" (Oldenbourg Verlag 1999) verwendete.

Prägend für das Leben von Ernst Lossa waren fünf Stationen: Die frühe Kindheit bei den Eltern, die Zeit im Augsburger Waisenhaus, im Erziehungsheim in Markt Indersdorf, in der Heilanstalt Kaufbeuren und zuletzt in der Nebenanstalt Irsee. Diese fünf Stationen gaben letztlich die Struktur des Buches vor. Sie waren unterschiedlich schwer zu erforschen.

Zunächst begab ich mich auf eine ausführliche Akten- und Archivrecherche – zur Euthanasie im Allgemeinen, zur Situation in der Anstalt Kaufbeuren/Irsee, im Augsburger Waisenhaus und im Erziehungsheim in Markt Indersdorf. Ich forschte an den Originalschauplätzen, den Orten und Einrichtungen, in denen Ernst Lossa einen Teil seines Lebens verbracht hat. Aber wie der Alltag dort in den 30-er und 40-er Jahren aussah, blieb lange unklar. Hier halfen eine Reihe von Zeitzeugen und ein wenig Glück weiter.

Die Zeit im Heim

Das Kinderheim in Augsburg-Hochzoll, heute eine Jugendeinrichtung, forschte für mich in alten Unterlagen, um den Heimalltag dieser Zeit zu beschreiben. Zeitzeugen, die zur selben Zeit in dem Heim lebten, erweiterten die Fakten um erlebte Geschichten. Von ihnen stammen die meisten Szenen aus dem Alltag, aus der Schule, von den Lausbubenstreichen, dem Tagesablauf, der Hackordnung im Heim.

Die Geschichte des NS-Erziehungsheims in Markt Indersdorf zwischen 1939 und 1945 ist bislang unerforscht. Hier half ein Glückstreffer: 40 Kartons mit Zöglingsakten, die im Keller des Instituts für Zeitgeschichte in München lagern und die ich dankenswerterweise einsehen durfte. Aus den mehreren hundert Akten über die Kinder von Indersdorf ließ sich zum einen der Alltag im Heim, zum anderen die Personage recherchieren. So haben alle im Buch vorkommenden Altersgenossen von Ernst ein historisch exaktes Vorbild.

Dokumente der Amerikaner

Im Gegensatz dazu sind die Vorkommnisse in der Heil- und Pflegeanstalt Kaufbeuren/Irsee während der NS-Zeit gut dokumentiert. Dies ist nicht zuletzt Michael von Cranachs Verdienst, der 1980 anfing, die Akten aufzuarbeiten. Der größte Fundus für das Grauen hinter den Anstaltsmauern ist jedoch den amerikanischen Besatzungsmächten zu verdanken. Sie untersuchten nach dem Krieg die Zustände in der Anstalt und stießen bei den Zeugenvernehmungen immer wieder auf den Fall Ernst Lossa, der offenbar viele Pfleger nachhaltig beschäftigte. Dadurch gibt es in den Vernehmungsprotokollen zahlreiche Hinweise auf und Beschreibungen über den Jungen, der weder in die Anstalt, noch in das von den Nazis propagierte Modell vom „Gnadentod“ passte.

1949 wurde der Mord an dem Jungen zum Präzedenzfall im Euthanasie-Prozess gegen Ärzte und Pfleger vor einem Augsburger Schwurgericht. Durch die Vernehmungen und Gerichtsprotokolle ist das Leben des Jungen und seine Ermordung im Vergleich zu den zahllosen unbekannten Euthanasie-Opfern gut dokumentiert.

Die Jenischen

Den schwersten Teil der Recherche stellte das Leben in der Familie dar. Erst im Laufe der Nachforschung stellte sich heraus, dass Ernst Lossa das Kind einer jenischen Familie ist. Das Schicksal dieser Volksgruppe, von der heute in Deutschland noch etwa 100.000 Menschen leben, ist nach wie vor "ein weißer Fleck auf der historischen Landkarte", so die Auskunft des Dokumentationszentrums deutscher Sinti und Roma in Heidelberg. Die Jenischen werden seit je her als "Zigeuner" bezeichnet und ebenso verfolgt – auch in Lossas Akte steht "kommt aus einer Zigeunerfamilie". Im Gegensatz zu Sinti und Roma ist jedoch weder die Herkunft der Jenischen, noch ihre Verfolgungsgeschichte erforscht. So war ich für diesen Teil in erster Linie auf die Erzählungen von Verwandten der Lossas angewiesen. Dem sehr hilfsbereiten Augsburger Stadtarchivar Georg Feuerer ist es zu verdanken, dass über die Familie Lossa auch noch einige amtliche Dinge wie Wohnorte, Umzüge, Reisen, ermittelt werden konnten.

So alt wie Anne Frank - und doch ganz anders

Als es daran ging, das Material zu verarbeiten, tat sich jedoch ein Problem auf: Von Ernst Lossa gibt es keinerlei persönlichen Aufzeichnungen – im Gegensatz zu Anne Frank, die im selben Jahr wie er geboren und ein halbes Jahr nach ihm ermordet wurde. Während wir die Gedanken und Gefühle von Anne Frank aus ihren Tagebüchern kennen, wird Ernst Lossa in allen Dokumenten, Protokollen und Gesprächen von außen beschrieben. Lehrer und Erzieher, Schwestern und Pfleger, Gutachter und Ärzte zeichnen das Bild des Jungen. Sie beurteilten sein Verhalten, sein Auftreten, seine Leistungen, seine Fehler. Aber niemand interessierte sich dafür, was er dachte und fühlte, wie er die Dinge sah.

Dazu wollte ich einen Kontrapunkt setzen und die Person Ernst Lossa mit Leben erfüllen. Deshalb wählte ich eine Perspektive, die entschieden auf Augenhöhe des Jungen bleibt. Ich entschied mich für eine Biografie in Romanform, die überwiegend aus der Sicht des Jungen berichtet. Nur so konnte ich dem unbekannten Euthanasieopfer Gesicht und Stimme, Gedanken und Gefühle geben.

Historisch exakt

Noch ein Wort zur historischen Genauigkeit: Alle Figuren in der Geschichte hat es wirklich gegeben. Die Lehrer, Erzieher, Pfleger, Schwestern, Ärzte entsprechen so genau wie möglich den historischen Personen. Dasselbe gilt für die Verwandten und Freunde von Ernst, für die Schulkameraden, Zöglinge und Patienten. Allerdings sind nicht alle Personen nach der langen Zeit klar recherchierbar gewesen. Andere sollten aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes nicht an die Öffentlichkeit gezerrt werden. Dies gilt vor allem für die Zöglinge und Patienten der verschiedenen Heime. So sind in der Biografie nur dort die wahren Namen der Personen verwendet, wo es historisch beleg- und vertretbar ist. Die anderen Namen sind geändert.

Bedeutung für heute

Ernst wollte akzeptiert und geliebt werden, so wie er ist. Das hat er nicht nur mit allen Kindern gemeinsam, sondern mit jedem von uns. So hat die Geschichte von Ernst Lossa eine Bedeutung auch und gerade für unsere heutige Gesellschaft: Menschen nicht nach ihrem Nutzen und ihrer Leistungsfähigkeit zu beurteilen. Denn gerade die Menschen, die nicht funktionieren, die Unpassenden, die Behinderten und Außenseiter, bringen uns zum Nachdenken über die Grundwerte unseres Daseins. Sie machen unser Leben reicher, bunter und menschlicher.

Robert Domes